
Hinter jeder Behandlungsliege steht eine Geschichte. Hinter jedem palpierenden Handgriff liegt ein Weg voller Erkenntnisse, Zweifel und Durchbrüche.
In unserer Reihe Einblicke geben wir unseren Dozenten Raum für ihre Geschichten: Wie sie zur Osteopathie fanden. Was sie auf diesem Weg herausgefordert hat. Und welche Momente ihr Verständnis von Heilung und Berührung für immer verändert haben.
Nach Nicolle Homann und Sebastian Schulze stellen wir heute Katrin von der Bey vor.
Katrin von der Bey, B.Sc., ist Osteopathin und Physiotherapeutin mit Praxis in Hamburg. Als Dozentin am College Sutherland vermittelt sie ihr fundiertes Wissen in Geschichte und Konzept der Osteopathie, Osteopathie im kraniosakralen Bereich, makroskopischer Anatomie und Hirnnerven. Ihr Weg zur Osteopathie begann 2003 durch einen Zufall auf einer Messe in Leipzig, der zu einer bewussten Entscheidung wurde: Sie wollte lernen, die richtigen Fragen zu stellen.
Heute ist Katrin nicht nur in ihrer eigenen Praxis tätig, sondern gibt ihre Erfahrung und ihr tiefes Verständnis für osteopathische Prinzipien an kommende Generationen weiter. Für sie ist Osteopathie mehr als eine Behandlungsmethode – sie versöhnt Subjektivität mit Objektivität, Sinneswahrnehmung mit Wissenschaftlichkeit, Intuition mit Logik.
Im Gespräch erzählt Katrin von einer zufälligen Begegnung, die alles veränderte, von der Kraft der Palpation und davon, wie die Osteopathie nicht nur ihre Arbeit, sondern sie als Person transformiert hat.
Wie bist du überhaupt auf die Osteopathie aufmerksam geworden?
Das war im Mai 2003 auf der Therapie-Messe in Leipzig. Dort stieß ich auf den Stand des VOD e.V.. Zu diesem Zeitpunkt war mir Osteopathie unbekannt. Beim Blättern im D.O. Magazin hörte ich – zugegeben: ich hab´ gelauscht – ein Gespräch zwischen einer Messebesucherin und Marina Fuhrmann. Dabei tauschten die beiden interessanterweise die Rollen: Statt der Besucherin stellte Marina die Fragen und die Besucherin gab Auskunft. Und dennoch erhielt sie – ich auch – eine Fülle an Information. Das war so beeindruckend, dass ich mir ein Exemplar der Zeitschrift griff und dreimal durchlas. Sonst habe ich von dieser Messe praktisch nichts weiter gesehen. Aber ich wusste, ich muss das auch lernen: Die richtigen Fragen zu stellen.
Gab es einen Moment, in dem du wusstest: Das will ich machen?
Fünf Monate später fing ich mit der berufsbegleitenden Ausbildung am College Sutherland in Berlin an. Die Entscheidung war eigentlich schon auf der Messe gefallen – dieser eine Moment des Lauschens hatte alles verändert.
Warum hast du dich für das College Sutherland entschieden?
Das College Sutherland kam meinem Sicherheitsbedürfnis entgegen, denn es hatte seit einigen Jahrzehnten in mehreren europäischen Ländern Bestand. Neben dieser Bewährtheit vermittelte das College den Eindruck einer gelungenen Verknüpfung von Ursprünglichkeit mit Streben nach Wissenschaftlichkeit. Auch die Still-Akademie fand ich interessant, deren sichtbare Strukturiertheit mich ansprach. Die Entscheidung fiel aus profanen Gründen: Ich würde etwas weniger Aufwand für Fahrten und fürs Wohnen fern von Zuhause – mit Kindern, Beruf und Hausbau – aufzubringen haben, wenn ich mich für das College Sutherland entschied.
Was hat dich während des Studiums am meisten überrascht?
Ich erinnere einen Moment zu Hause während des vierten Jahres am College. Ich hatte an meine Lieben ausnahmsweise ziemlich deutliche Worte adressiert, um einem Standpunkt und meiner Standfestigkeit Ausdruck zu verleihen. Sie sahen mich einen Moment stumm und großäugig an. „Die Mama ist richtig aufmüpfig geworden!“, sagte schließlich mein Sohn, damals 12-jährig. Und dabei grinste er fröhlich.
Es stimmte: Ich war selbstbewusster geworden. Ich hatte mich beruflich verändern wollen mit der Osteopathie. Stattdessen hat die Osteopathie mich verändert.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
Gab es einen Moment, der dein Verständnis von Körper und Gesundheit grundlegend verändert hat?
Nein. Es ist eher andersherum: Vor der Osteopathie passte meine berufliche Tätigkeit nicht zu meinem Verständnis. Das ging und geht sehr vielen Therapeutinnen und Therapeuten so. In der Physiotherapie war ich oft aufgefordert, meinem Verständnis – manchmal waren es Überzeugungen – zuwider zu handeln. Oder einen halbwegs vertretbaren aber stets faulen Kompromiss zu schließen. „Nix Halbes und nix Ganzes“, hieß dergleichen in meiner Kindheit. Darum absolvieren viele Therapeutinnen und Therapeuten aller Art eine Fortbildung nach der anderen: Sie suchen etwas Ganzes, Komplettes, das ihrem Verständnis entspricht.
Einen Moment grundlegender Verständnisänderung erfuhr ich nicht – die Osteopathie rannte eher offene Türen ein.
Änderung fand und findet dennoch statt. Verständnis und Verstehen entwickeln und verdichten sich ständig; das ist sehr willkommen.
Grundlegend ist vielmehr, dass die Osteopathie mir eine therapeutische Heimat – ohne faule Kompromisse –, Handlungssicherheit und ein neues gutes Lebensgefühl beschert hat.
Wie hat das Studium deine Hände verändert? Was spürst du heute, was du früher nicht gespürt hast?
Schwer zu sagen…
Wir haben viele Worte zur Beschreibung dessen, was wir sehen, hören, riechen, schmecken… Auch für Berührungen an der eigenen Körperoberfläche und Haut finden sich Worte.
Weniger Ausdrücke haben wir für Empfindungen aus dem Körperinneren. Vorwiegend Schmerz wird uns da bewusst. Dumpf, stechend, ziehend, drückend, brennend – so versuchen wir ihn zu beschreiben.
Aber wir sind darüber hinaus im Inneren außerordentlich empfindsam. Ob Turmspringerin, Eiskunstläuferin oder Osteopathin: Alle arbeiten mit der bewussten Wahrnehmung feiner sensibler Information aus ihren Gelenken, Faszien, Muskeln usw. sowie allen möglichen Gewebeschichten und -hüllen in der Körpertiefe. Für diese spezifischen Wahrnehmungen mangelt es an passenden differenzierten Ausdrücken im Sprachgebrauch. Eine treffende Beschreibung ist mir daher unmöglich.
Während der Ausbildung ändert sich: das Gehirn.
Es leitet zunehmend Empfindungen, die zuvor unbewusst blieben, ins Bewusstsein weiter. Das sind verwertbare Informationen.
Außerdem verstehe ich Berührung so ähnlich wie Sehen und Hören: Wenn Licht und Schall auf Augen und Ohren treffen, sehen und hören wir unvermeidlich.
Osteopathie heißt für mich: Indem ich jemanden anfasse oder berühre, werde ja auch ich angefasst, berührt. Ein Osteopathen-Körper ist ein Riesenohr – vom Scheitel bis zum kleinen Zeh…
Was war deine größte Herausforderung – und wie hast du sie gemeistert?
Gelassenheit und Geduld zu erlernen.
Ich übe immer noch…
Was machst du heute – und was erfüllt dich besonders?
Am College Sutherland gehöre ich dem Team der Lehrenden. Makroskopische Anatomie, Osteopathie im kraniosakralen Bereich und Konzept der Osteopathie sind meine Fächer.
Und in meiner Praxis arbeite ich osteopathisch mit allen Menschen, die den Weg zu mir finden.
Das sind sehr erfüllende, belebende Tätigkeiten.
Was würdest du jemandem sagen, der überlegt, ob Osteopathie der richtige Weg ist?
Osteopathie ist sinnvoll, das steht außer Frage. Mehr würde ich nicht zur Entscheidungsfindung beitragen wollen.
Welchen Rat würdest du denn jemandem geben, der vor dieser Entscheidung steht? Einem Freund vielleicht, oder deiner Schwester?
Bei derart bedeutenden Entscheidungen für das Leben anderer Menschen verhalte ich mich lieber neutral.
Eine Überzeugung, zu der man selbst gekommen ist, hat große Kraft.
Und die braucht´s schon für die Ausbildung.
Wenn du an einen Patienten denkst, bei dem du wirklich etwas bewirken konntest – was kommt dir in den Sinn?
Einige. Hier mal etwas vordergründig Unspektakuläres: Vor kurzem kam ein 45-jähriger sportlicher Mann wegen „nerviger“ einseitiger Schmerzen im Bereich des rechten Schultergürtels. Seit vielen Jahren irritierte ihn das schon. Die ärztliche Diagnose stets: „HWS-Syndrom“. Keine Maßnahme half nachhaltig. Die Beschwerden kehrten immer zurück, besonders quälend in „stressigen“ Phasen. Aber ausgedehnte Spaziergänge helfen ihm eindeutig.
Der Mann hoffte nun mit Hilfe der Osteopathie der Ursache auf die Schliche zu kommen.
Weil ich bei der Ganzkörper-Untersuchung keine schlüssige Erklärung für seine Beschwerden fand, fing ich nochmal ganz von vorn an: diesmal mit der eingehenden Palpation der betroffenen Region. Im Gewebe der Halsbasis oberhalb des Schlüsselbeins tastete ich schließlich einen Knochen, wo eigentlich keiner hingehört: Eine lange sogenannte akzessorische Halsrippe. Also eine Rippe zu viel, wo´s ohnehin schon ziemlich eng ist…
Die Diagnose: Halsrippensyndrom.
Die Rippe ist da, ich kann´s nicht ändern. Der Mann ist trotzdem erleichtert, denn seine Beschwerden und ihr Kommen und Gehen findet er nun logisch. Die Rippe kann ihm sogar dienlich sein: Sie sagt ihm, wenn´s mal wieder Zeit ist für eine Runde um die Außenalster…
Palpation und Anatomie sind ein Traum-Paar.
Was bedeutet Osteopathie für dich persönlich in einem Satz?
Lebendigkeit.
Save-Worthy Tipp von Katrin: Osteopathie heißt: Indem ich jemanden anfasse oder berühre, werde auch ich angefasst, berührt. Ein Osteopathen-Körper ist ein Riesenohr – vom Scheitel bis zum kleinen Zeh. Die richtigen Fragen zu stellen, öffnet Türen – in der Anamnese wie in der Palpation.
Katrins Geschichte zeigt: Manchmal genügt ein Moment des aufmerksamen Lauschens, um die Richtung zu ändern. Die Osteopathie hat sie nicht nur beruflich verändert, sondern als Person wachsen lassen. Wer sich auf diesen Weg einlässt, findet mehr als eine Behandlungsmethode – eine therapeutische Heimat ohne faule Kompromisse.
Das College Sutherland bietet drei Wege zur staatlich anerkannten Osteopathie-Ausbildung:
→ Berufsbegleitende Osteopathie-Ausbildung für medizinische Fachkräfte
→ B.Sc. Studium in Osteopathie – Teilzeit für Berufstätige
→ B.Sc. Studium in Osteopathie – Vollzeit für Schulabgänger
Standorte: Berlin, Hamburg, Stuttgart
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